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Freitag, 31. Mai 2019

Rezension zu Cornelia Beckers "Die Kinder meines Vaters"

Eine Geschichte, die zum Nachdenken anregt. Der Schreibstil ist heutzutage kaum noch zu finden, klar, prägnant und ohne Schnörkel. Eine Kurzgeschichte, die zum Nachdenken anregt. Was passiert, wenn wir unser Leben lang einem Traum hinterherlaufen und plötzlich geht er in Erfüllung? Vielleicht ist es manchmal tatsächlich besser, wenn ein Traum ein Traum bleibt. Das Landleben wird so geschildert, wie es tatsächlich ist und wie ich es als Kind auch selbst erlebt habe. Das Buch ist einfach nicht für den Leser inhaltsloser Bücher (Massenware) gemacht, sondern für Leser, die Inhalt und Tiefgang lieben. Die sehr abstrakten Zeichnungen unterstreichen den Charakter des Buches.




Freitag, 3. Mai 2019

Mein Beitrag für ein Literaturfestival.....

Im Krieg gegen uns selbst

Ich bin eine Frau, eine ungewöhnliche Frau wie einige meinen und doch wieder eine ganz gewöhnliche, mit Wünschen und Bedürfnissen, wie sie jede Frau hat. Ich bin gegen den Krieg, weil ich Gewalt hasse, sowohl verbale als auch nonverbale. Nicht nur weil meine Großmutter, den Vater ihrer Kinder im Krieg verloren hat, nicht nur weil gegen meine Vorfahren aus Glaubensgründen ein Krieg geführt wurde, der sie auslöschen sollte. Oder doch deswegen? Ist es mein genetisches Erbe, das sich da meldet. Ich weiß es nicht, aber ich will keinen Krieg erleben müssen. Not, Hunger und Entbehrung, auch wenn ich glaube, dass es heute einigen Menschen ganz gut tun würde, ihre Komfortzone zumindest einmal verlassen zu müssen.

Und doch erlebe ich ihn Tag für Tag, den Krieg, den wir gegen uns selbst führen. Männer und Frauen, aufeinander gehetzt durch billigen Populismus. Kaum jemand hinterfragt, kaum jemand protestiert. Viele Frauen verbiegen sich für einen Mann, ganz freiwillig wohlgemerkt. Haben sie ihn dann, wird er festgehalten, als Besitz wohlgemerkt. Wir nennen das Liebe. Und was tun wir nicht alles dafür, dass wir den Mann unserer Träume bekommen. Schönheits-OP’s, Sexy-Klamotten und unsere Lachfalten lassen wir uns mit Gift wegspritzen. Die Suche nach der ewigen Schönheit und der ewigen Jugend. Unser Fokus liegt auf ihn, dem Mann, nicht auf uns der Frau. Doch auch der Mann muss etwas tun, damit wir bei ihm bleiben. Materiellen Wohlstand soll er uns geben, dann darf er uns auch benutzen oder beschimpfen. Das halten wir aus. Wir gehen nicht, wir bleiben, wir haben Angst. Angst vor der Veränderung, Angst vor dem materiellen Verlust, Angst davor gesellschaftlich geächtet zu werden. Was soll aus den Kindern werden, wenn sie in Armut aufwachsen? Doch jede Frau hat ihren freien Willen. Wenn sie diese toxische Beziehung nicht verlässt, muss sie mit den Konsequenzen leben. Ich gestehe, mir tun diese Frauen nicht leid, aber die Kinder. Was wird aus Kindern, die eine solche Beziehung, von Gewalt geprägt, miterleben? Sie halten es für normal und werden, wenn sie denn reif dafür sind, eine ebensolche Beziehung eingehen. So legen wir als Eltern, den Grundstock, für den nächsten Krieg zwischen den Geschlechtern. Von Generation zu Generation keine Veränderung.

Machen wir einen kleinen Ausflug in meine eigene Geschichte. Ich bin ein Adoptivkind, weil mein Vater ein Schwein war, sagt meine Mutter. War er das wirklich? Ich bin mit dieser Beschreibung meines leiblichen Vaters groß geworden und habe es nie hinterfragt. Schließlich war es meine Mutter, die sich so äußerte, also glaubhaft. Erst 50 Jahre später machte ich mich auf die Suche, ausgelöst durch ein tragisches Familienereignis. Was ich fand, rückte nicht nur das Weltbild in Bezug auf meinen Vater wieder gerade, sondern es veränderte mein gesamtes Leben und meine Beziehung zu Männern. Mein Vater hatte das Pech, dass er glaubte, sich in eine andere Frau verliebt zu haben, bevor er meine Mutter kennenlernte. Beide wurden fast gleichzeitig schwanger. Mein Vater wollte meine Mutter heiraten, doch seine Familie verbot es. Die andere Frau war zuerst da. Er beugte sich dem Diktat seiner Eltern. So kam ich unehelich auf die Welt. Doch mein Vater wollte den Kontakt zu seinem Kind halten. Meine Mutter, aus gekränkter Eitelkeit heraus, verbot es. Es kümmerte sie nicht, was für ein Männerbild sie in mir damit erzeugte. Das Schicksal griff sechzehn Jahre später ein. Mein Vater wurde mein Kollege, ohne dass einer von uns beiden wusste, wer der jeweils andere war, denn ich trug inzwischen, aufgrund einer Adoption, einen anderen Namen. Als ich mich dann auf die Suche nach ihm machte, war er bereits tot. Das Einzige, was mir in Erinnerung blieb, war ein recht verzerrtes Bild von meinem Kollegen und ein Gesicht, dass mein Gesicht ist. Doch nicht er wollte mich nicht kennenlernen, sondern meine Mutter mit ihrem gekränkten Ego war die Schuldige, dass ich keine Beziehung zu meinem Vater aufbauen konnte. Mein Vater war kein Schwein, sondern das Opfer von Umständen. Doch auch meine Mutter, ist das Opfer solcher Umstände, denn auch sie wuchs in dem Glauben auf, dass ihr Vater ein Krimineller ist. Ich fand heraus, dass mein Großvater das Opfer einer Intrige von Mädchen wurde, die ihn nicht mochten. Er selbst war völlig unschuldig. Niemand glaubte ihm. Für die Familie war er ein Krimineller und wurde ausgegrenzt. Und so gab meine Großmutter, ihr vermeintliches Wissen über Männer – „Männer sind Schweine“ – an meine Mutter und die an mich weiter und bestimmten so lange mein Weltbild, bis ich es zu hinterfragen begann.

Ich kenne viele Frauen, die sich nicht aus für sie giftige Beziehungen lösen. Angst, Unzufriedenheit und mangelnde Selbstliebe, dürften die Ursache dafür sein. Doch ich kenne auch viele Männer, die es ebenfalls nicht tun. Und so leben sie nebeneinander her, giften sich gegenseitig an und schuld ist immer der jeweils andere. Niemand schaut hin, niemand hinterfragt. Die Frau hat Angst vor dem materiellen Verlust und er hat Angst finanziell ruiniert zu werden und seine Kinder nicht mehr sehen zu dürfen. Solch eine „liebevolle“ Beziehung wünscht sich doch ein jeder oder? Und die heutige Gesellschaft schüttet noch Öl in das Feuer, in dem sie Ängste, Wut und Hass schürt und auf das jeweils andere Geschlecht lenkt. Wir nehmen das dankbar an, denn so bleibt es uns erspart die Verantwortung für die eigenen Ängste, die eigene Unzufriedenheit, den eigenen Groll, die eigene Wut und den eigenen Hass übernehmen zu müssen. Schuld sind immer die Anderen, doch nicht wir. Hinschauen würde schmerzen, denn wir würden erkennen, dass wir die Schuldigen sind. Wir und nicht die Anderen. Wir hinterfragen nicht und wir protestieren auch nicht. Wir sind das weiße Schaf in einer Herde aus weißen Schafen und die schwarzen, die dulden wir unter uns, denn wir benötigen sie als Sündenböcke. Sie dürfen wir angreifen, beschuldigen und ausgrenzen. Wir sind ja die Guten. Doch sind wir das wirklich?

An jedem einzelnen Tag im Jahr, lästern, lachen oder hetzen wir und zeigen mit unserem Verhalten, mit unserem Denken und Handeln, dass wir uns über andere erheben. Das betrifft Männer wie Frauen
gleichermaßen. Wir maßen uns an, ein Anrecht darauf zu haben, einen Menschen vernichten zu dürfen. Neudeutsch nennen wir das Mobbing und Mobbing gibt es nicht nur am Arbeitsplatz. Mobbing findet in unseren Familien, in den Büros und in der Gesellschaft statt. Wir gehen brandschatzend durch das Leben und nicht wertschätzend und respektvoll, wie es einem jeden von uns zustehen würde.

Einige wenige haben den Mut hinzuschauen und nicht weg zuhören, den Mund aufzumachen und zu sagen: „Ich mach da nicht mit. Das ist menschenverachtend und die Gräben zwischen den Geschlechtern, und damit zwischen den Menschen, werden immer tiefer. Ich leiste Widerstand gegen diese Brandstiftung.“ Doch dazu gehört Mut und ein tiefes Verständnis für das Leben. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es ein langer Weg ist, der nicht bequem ist. Man geht durch seine eigene Hölle. Doch dieser Weg lohnt sich.

Die Sufragetten am Anfang des 20. Jahrhunderts kämpften in England für das Wahlrecht. Nicht alle, aber doch einige wurden von ihren Männern dabei unterstützt. Diese Frauen haben meine ganze Hochachtung, denn sie verzichteten auf viel und mussten sogar Haftstrafen verbüßen. Den Männern danke ich ebenfalls. Und heute? Heute streiten wir uns darüber, ob das Ampelmännchen ein Höschen oder ein Röckchen tragen darf. Ehrlich gesagt ist es mir völlig egal, solange es grün leuchtet und ich gehen darf. Mir ist es auch völlig egal, ob vor mir ein Herr Magister oder eine Frau Magistra sitzt, solange Kompetenz und Inhalt vorhanden sind. Wir verlieren uns heute in Banalitäten und verlieren die wirklich wichtigen Dinge völlig aus dem Blick. Doch die Erde hat größere Probleme.

Und die Lösung für das Problem werden Sie nun sicher fragen? Die Liebe. Doch nicht die besitzergreifende, kontrollierende Liebe, sondern die, die Freiräume lässt, die die von gegenseitiger Achtung und Respekt geprägt ist, also genau die, die so wenige von uns je erleben werden. Aber genau die, die jeden Menschen erblühen lässt und die den Krieg, den wir gegen uns führen, beenden würde.

© Birgit Wichmann, Wien 2019


Ein Tropfen reist durch die Welt.....