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Dienstag, 27. März 2018

Vom Rotkäppchen, das nicht von seinem Weg abzubringen war

Quietschvergnügt spaziert das Rotkäppchen durch den Wald. Die Sonne scheint auf sie herab. Die riesigen Bäume wiegen sich leicht im Wind. In seinem Korb hat es Brot und Wein für die Großmutter und ein paar Bücher. Die Großmutter wird ihr sicher etwas vorlesen. Auch wenn das Rotkäppchen allein lesen kann, etwas vorgelesen zu bekommen und sich dabei in die Arme der Großmutter zu schmiegen ist noch viel schöner. Wie die Mutter es ihr aufgetragen hat, will sie geradewegs zum Haus der Großmutter gehen. Schon kann sie es durch die Bäume hindurch vage erkennen. Da plötzlich springt etwas hinter einem Baum hervor und landet direkt vor ihren Füßen. Das Rotkäppchen weicht erschrocken zurück. Der Wolf steht vor ihr.

Blitzschnell überdenkt sie ihre Möglichkeiten. Dann huscht ein Lächeln über ihr Gesicht und sich an den Wolf wendend spricht sie: “Guten Morgen Wolf. Schon so früh auf den Beinen?“ „Ich habe Hunger“, gibt der knurrend zurück. „Hast du heute noch nicht gefrühstückt? Dort auf der Wiese stehen saftige Gräser und Blumen. Greif zu.“ „Ich bin doch keine Kuh“, erwidert der Wolf etwas gereizt. „Ich esse Fleisch.“ Das Rotkäppchen wiegt seinen Kopf hin und her. „Ich weiß nicht Wolf, wenn ich dich so betrachte, könnte dir etwas weniger Fleisch ganz gut tun. Du hast ziemlich viel Speck auf den Rippen.“ Der Wolf wird zornig. „Das ist das Alter. Ich bin ja nicht mehr der Jüngste.“  „Wie du meinst. Ich muss zur Großmutter. Sie wartet bereits.“ Schon will das Rotkäppchen weitergehen.

„Zur Großmutter willst du? Magst du nicht ein paar Blumen für sie pflücken?“ Das Rotkäppchen setzt ein schelmisches Lächeln auf. „Lieber Wolf danke für den Hinweis, aber die Großmutter hat Blumen im Garten. Ich brauche also keine im Wald zu pflücken.“ Während der Wolf noch überlegt, wie er das Rotkäppchen dazu bringt nicht sofort zur Großmutter zu gehen, damit er die Großmutter fressen kann, schaut ihn das Rotkäppchen schelmisch an. „Weißt du Wolf, ich habe auch einen Rat für dich.“ „Du für mich?“ Der Wolf lacht laut auf. „Ja ich für dich. Am besten schlägst du es dir aus dem Kopf die Großmutter fressen zu wollen und danach mich. Ich weiß nämlich, wie es enden wird.“

Erschrocken schaut der Wolf das Rotkäppchen an. „Woher willst du wissen, was ich will?“ Rotkäppchen schaut dem Wolf direkt in die Augen. „Ich kann lesen. Du wahrscheinlich nicht.“ Zornig stampft der Wolf mit dem Fuß auf. „Ich war in der Wolfsschule der Beste. Ich kann lesen.“ Rotkäppchen greift in ihren Korb und holt ein Buch heraus. Sie gibt es dem Wolf. „Dann lies, wie es mit dir enden wird.“ Zögernd greift der Wolf zum Buch, setzt sich und beginnt zu lesen. Rotkäppchen stellt den Korb ab, setzt sich ebenfalls und nimmt ein anderes Buch zur Hand. Der Wolf hat sich inzwischen seine Brille aufgesetzt, denn seine Augen werden langsam schwach. Rotkäppchen beobachtet ihn aus den Augenwinkeln.

Da plötzlich springt der Wolf auf und greift sich an den Bauch. „Was lese ich da. Der Förster wird mich finden und mir den Bauch aufschneiden. Dann legt er mir riesige Wackersteine hinein und näht mich wieder zu. Das Mädchen und die Großmutter werden leben und ich muss sterben. Die Wackersteine bringen mich um. Zum Schluss zieht er mir auch noch das Fell über die Ohren. Oh nein, das darf nicht sein.“ Schnell klappt er das Buch zu.

Dann besinnt er sich. „Aber Rotkäppchen es ist ja nur eine Geschichte. Wer weiß schon, ob sie stimmt und es auch so eintreffen wird?“ Rotkäppchen ist ebenfalls aufgestanden. „Lieber Wolf, was denkst du denn, warum diese Geschichte aufgeschrieben werden konnte?“ „Sie ist ausgedacht“, antwortet der Wolf lächelnd. „Du irrst dich. Sie wurde so erlebt und dann aufgeschrieben.“ Erneut greift sich der Wolf an den Bauch. Unruhig läuft er auf und ab. ‚Was wenn sie recht hat‘, denkt er. ‚Dann ist mein Leben zu Ende. Aber keine saftigen Lämmer mehr reißen und nur noch Gras und Blumen fressen ist irgendwie auch keine Option. Wo bleibt der Spaß am Leben?‘ Er wendet sich dem Rotkäppchen zu. Sie wartet geduldig. „Was schlägst du vor?“ „Du hast die Wahl. Tod oder Leben. Es ist deine Entscheidung.“ Nachdenklich sieht der Wolf sie an. ‚Sie ist zart und wird mir gut schmecken. Doch ich bezahle dafür mit meinem Leben. Lieber Gras und Blumen fressen und am Leben bleiben.‘ Das Rotkäppchen greift nach dem Korb und legt ihr Buch hinein. Zum Wolf gewandt sagt sie: „Du kannst mir das Buch später zurückgeben. Einen schönen Tag noch.“ Dann dreht sie sich um und setzt ihren Weg fort. Verblüfft schaut der Wolf ihr hinterher. Noch immer ist er sich nicht sicher, ob er auf seinen Festschmaus verzichten soll. Doch das Buch wiegt schwer in seiner Hand. Schließlich setzt er sich wieder in das Gras und liest weiter im Buch. Ab und zu zupft er einen Grashalm ab und kaut auf ihm herum. ‚Schmeckt so übel nicht.‘ Das Rotkäppchen ist bereits im Wald entschwunden.

Und die Moral von der Geschicht, unterschätze ein kleines Mädchen nicht.

©Birgit Wichmann; Wien




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