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Samstag, 26. November 2016

Geschichten zum Advent



Es ist ein kalter Morgen. Ein Morgen Ende November. Noch vier Wochen, dann ist Weihnachten. Der Schnee glitzert und die Sterne am Himmel funkeln. Hier, im hohen Norden, wohnt der Weihnachtsmann mit seinem Rentier und den Wichteln. Seit Wochen schon beantwortet der Weihnachtsmann die Briefe von Kindern, die ihm ihre Wünsche für Weihnachten mitteilen. Die Wichtel versuchen jeden Wunsch zu erfüllen. Sie basteln, sie werkeln und sie verpacken. Aber der Weihnachtsmann hat Sorgen. Sein Rentier ist seit Tagen krank. Es kann sich nicht von seinem Strohlager erheben. Heute endlich soll der Tierarzt kommen und das Rentier untersuchen. Der Weihnachtsmann stapft durch den hohen Schnee und geht in Richtung Stall. Der Tierarzt wartet schon auf ihn. Beide betreten den Stall. Das Rentier liegt reglos am Boden. Es versucht den Kopf zu heben, aber es gelingt ihm nicht. Der Arzt untersucht das Rentier. Besorgt schüttelt er den Kopf. Er gibt dem Weihnachtsmann zu verstehen, dass sie draußen weiterreden. Vor dem Stall sagt der Tierarzt zum Weihnachtsmann: „Das Rentier ist sehr krank. Ich habe eine Medizin, die ihm helfen wird. Doch bis Weihnachten wird es nicht wieder gesund.“ „Wer zieht dann meinen Schlitten?“, fragt der Weihnachtsmann besorgt. Der Tierarzt zuckt mit den Schultern. „Dieses Rentier wird es nicht schaffen“, antwortet er dann. „Das geht nicht“, erwidert der Weihnachtsmann. „Es sind zu viele Geschenke. Ich kann sie nicht, wie früher, in einen Sack geben und auf dem Rücken tragen. Ich brauche den Schlitten und mein Rentier.“ „Dann nimm ein anderes Rentier“, erwidert der Tierarzt. „Ich habe nur das Eine. Ein neues Rentier muss erst ausgebildet werden. Was mache ich denn nur?“ Hilflos zuckt er mit den Schultern. Der Tierarzt hebt die Hände. „Ich weiß es auch nicht. Hier ist die Medizin. Gib ihm jeden Tag eine Handvoll dieser Kräuter. Im neuen Jahr wird dein Rentier wieder gesund sein.“ Enttäuscht sieht ihn der Weihnachtsmann an. Dann dreht er sich um und geht in Richtung Werkstatt davon. Seine Schultern hängen herab. Er ist ratlos.

Ohne einen Gruß betritt er das Haus. Die Wichtel sind bereits bei der Arbeit. Fragend schauen sie ihn an. Er bemerkt es nicht. „Was mache ich nur“, murmelt er mit gesenktem Kopf vor sich hin. Da spricht ihn ein Wichtel plötzlich laut an. „Weihnachtsmann, was ist denn los? Worüber machst du dir Sorgen?“ Der Weihnachtsmann hebt den Kopf. „Das Rentier ist krank. Es wird den Schlitten dieses Jahr nicht ziehen können. Ich habe keinen Ersatz.“ „Oh.“ Vor Schreck muss sich der Wichtel hinsetzen. Plötzlich schöpft der Weihnachtsmann neue Hoffnung. „Könnt ihr nicht helfen?“, wendet er sich fragend an die Wichtel. Die schütteln verneinend mit dem Kopf. „Lieber Weihnachtsmann“, sagt da einer von ihnen, „wir helfen dir viele Monate. Doch am heiligen Abend schließt unsere Werkstatt. Für das Verteilen der Geschenke bist du zuständig. Wir gehen schlafen.“ „Könnt ihr nicht einmal eine Ausnahme machen“, bittet der Weihnachtsmann. „Die Kinder sollen doch ihre Geschenke bekommen.“ „Nein, aber die weise Eule kann dir vielleicht helfen. Sie weiß immer Rat.“ Mutlos dreht sich der Weihnachtsmann um. Die Eule wohnt im tiefen Wald und schläft sicher. Selbst wenn er sie findet, wird sie vielleicht nicht mit ihm reden. Sie ist eigen. Das weiß der Weihnachtsmann. Aber er hat keine Wahl. Er braucht Hilfe, sonst bekommen die Kinder keine Geschenke zu Weihnachten. Traurige Kinderaugen aber kann er nicht sehen.

Er verlässt das Haus in Richtung Wald. Die Briefe müssen warten. Durch den tiefen Schnee kommt er nur mühsam voran. Endlich steht er vor einer großen Tanne. Hier wohnt die Schneeeule. Sie will er um Rat bitten. Nur sehen kann er sie nicht, also ruft er laut ihren Namen. „Minerva zeige dich. Ich brauche deinen Rat.“ Der Weihnachtsmann trampelt ungeduldig im Schnee herum. Die Tanne ist völlig eingeschneit. Wo steckt sie? Keine Antwort. „Mineeeeeeeeeeerva!“ Der Weihnachtsmann wird ungeduldig. „Schrei nicht so herum“, ertönt es da über ihm. „Die Tiere des Waldes schlafen. Du weckst sie ja auf.“ „Da bist du ja“, erwidert der Weihnachtsmann. Dann schildert er ihr sein Problem. „Hast du kein Ersatzrentier?“, fragt ihn die Eule. „Nein.“ Minerva schüttelt den Kopf. „Ziemlich unbedacht und nicht weise gehandelt lieber Weihnachtsmann.“ Der Weihnachtsmann schweigt lieber. Er will sie nicht verärgern, denn sie ist seine letzte Hoffnung auf Hilfe. „Es gibt Tiere im Wald, die nicht schlafen, wie die Hasen, die Rehe  und Hirsche, die Wildschweine, der Fuchs. Ich kann sie fragen ob sie dir helfen. Aber du kannst auch etwas tun. Frage deine Kollegen in den anderen Ländern ob sie dir aushelfen können.“ „Kollegen? Wen meinst du?“ „Das Christkind, die Nissen in Dänemark und Norwegen, Väterchen Frost oder Knecht Ruprecht.“ Erstaunt sieht sie der Weihnachtsmann an. „Die haben auch viel zu tun“, erwidert er dann etwas unwirsch. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, erwidert Minerva etwas spitz. „Gut, ich werde sie fragen. Danke für deinen Rat. Bitte sag mir Bescheid, ob mir die Tiere des Waldes helfen.“ Minerva neigt nur noch kurz den Kopf, dann schließen sich ihre Augen wieder. Der Weihnachtsmann dreht sich um und verlässt den Wald. Hoffentlich hält sie ihr Versprechen. Daheim angekommen setzt er sich vor seinen elektronischen Briefkasten und schreibt Briefe an seine Kollegen in den anderen Ländern. Dann kann er nur noch warten. Er ist sichtlich nervös. Deshalb beschließt er, wieder die Briefe der Kinder zu beantworten. Die Wochen vergehen. Da, endlich, erhält er die erste Antwort vom Väterchen Frost. Sein Postfach blinkt rot auf. Er wird ihm helfen. Der Weihnachtsmann ist ein wenig erleichtert. Nun kommen auch die Antworten seiner anderen Kollegen. Alle wollen ihm helfen. Nur Minerva erscheint nicht. Zwei Tage vor Weihnachten sitzt sie plötzlich auf seiner Fensterbank und schaut ihn mit großen Augen an. Er öffnet das Fenster. Kalte Luft strömt herein. „Sie helfen dir alle. Morgen kommen sie zu dir und holen die Geschenke mit den Adressen ab.“ Dann erhebt sie sich und fliegt davon. Der Weihnachtsmann lässt sich erleichtert auf seinen Stuhl fallen. Jetzt kann er es schaffen. Alle Kinder werden pünktlich ihre Geschenke bekommen. Schnell setzt er sich an seinen Tisch und macht einen Plan, wer wem welches Geschenk bringen soll. Die übrig gebliebenen Geschenke wird er in einen Sack stecken und am heiligen Abend zu Fuß überbringen. Weihnachten ist gerettet.


© Birgit Wichmann; Wien